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Das Licht vollbringt wahre Wunder

zuverlässig in den ersten Oktobertagen hält der Winter mit Schneefällen und Temperaturen, die unter dem Gefrierpunkt liegen, Einzug, doch anfangs klettert das Thermometer am Tage noch häufig über den Nullpunkt. Noch vor Monatsmitte treiben zunehmend größer werdende, linsenförmige Eisschollen in der Strömung. Weiß glitzernd in der Morgensonne heben sie sich ab vom dunkel erscheinenden Wasser. Die Bäume sind dick überzogen mit funkelndem Raureif.

 

Einige Tage darauf schon ist der Fluss zugefroren. Jetzt beginnt die Eisfischerei mit unter dem Eis durchgezogenen Netzen.

Die Jäger brechen auf zur Pelztierjagd in ihre Jagdreviere. Auf ihren Schneemobilen brausen sie, die Pelzschapkas in die Stirn gedrückt, durch den feinen, stiebenden Schnee, die angehängten Schlitten beladen mit Benzin, Gerätschaften, den Hunden und Lebensmitteln für einen größeren Zeitraum.

 

In Deutschland fragt man mich oft, ob der Winter hier denn nicht schrecklich sei – kalt, dunkel und lange anhaltend. Doch so ist es nicht. Ich erlebe den Winter als majestätischen, strahlenden Eiskönig. Sein im Licht funkelndes Zepter ist geschliffen aus dem Eis der Flüsse, zu seinen Füßen breitet sich eine makellos weiße, sich endlos dehnende Schneedecke aus und sein Haupt badet vor dem weiten, blauen Himmel in der hellen Sonne, manchmal verhüllt von dicht wirbelndem Schnee. Bei alledem darf man niemals vergessen, dass er ein kalter, gnadenloser Herrscher ist, der keine Fehler verzeiht, sondern sie mit Tod oder Körperschäden bestraft.

 

In den Häusern verbreiten die Holzfeuer in den großen Öfen behagliche Wärme. Wegen der kurzen Tage ist es im Dezember und Januar am kältesten; einmal wurden in der meteorologischen Station Srednjaja Oljokmas minus 56 Grad gemessen. Gewöhnlich fallen die Temperaturen nachts aber selten unter minus 45 Grad, und am Tage ist es meistens nicht kälter als minus 35 Grad. Die Tage sind etwas kürzer als zum Beispiel in Hamburg, das nur knapp zwei Breitengrade, etwa 210 Kilometer, südlicher liegt als Srednjaja Oljokma. Nicht die nördlichere Lage, sondern das hier herrschende Kontinentalklima ist verantwortlich für die extremen Temperaturen.

 

Trotz der Kälte ist der Winter eine wundervolle Jahreszeit. Ich habe nicht das Gefühl, dass die Natur erstarrt ist, sondern alles lebt lediglich auf eine andere Weise. Hat man am Morgen beim Blick auf das Thermometer noch gesagt: „Kalt heute“, vergisst man fast die Kälte, wenn die Umgebung unter blauem Himmel in Sonnenschein getaucht ist. Keine blässliche, fade Wintersonne, sondern eine klare, strahlende Sonne beleuchtet die von Eis und Schnee bedeckten Konturen der Landschaft und mildert im Laufe des Tages die strengen Tempe-raturen.

 

Auf den ersten Blick meint man, von den Farben seien nur noch Weiß und Grautöne übrig geblieben, ab und zu vom stumpfen Grün der Kiefern unterbrochen, doch dann entdeckt man, dass das Licht ein Wunder vollbringt. Nach langer Nacht beginnt der Himmel sich rosa zu färben mit ins Gelbliche spielenden Tönen, wird immer heller, bis schließlich die ersten Sonnenstrahlen über die Hügelkette im Südosten blitzen und die Sonne schräge Finger über den Schnee schickt.

 

Entschwindet die Sonne hinter den Höhenzügen dem Blick, wird es zwar sofort spürbar kälter, doch ihr Licht begleitet uns noch eine Zeitlang. Die Wolkenschleier am Himmel nehmen rosafarbene, hellviolette und grauviolette Töne an vor einem manchmal hellblau oder helltürkis verblassenden Himmel, bis sich auch dieser zartviolett färbt, während sich die Linie der bewaldeten Hügelketten dunkelviolett vom Himmel abgrenzt. Diese Farben veränderten sich ständig, bis die Dunkelheit siegt und bei klarem Himmel die Sterne hervortreten, die Milchstraße und vertraute Sternbilder erscheinen. Manchmal taucht der Vollmond die Umgebung in helles Licht, reflektiert vom makellos weißem Schnee.

 

Mit Beginn des Winters versinkt das Dorf in völlige Abgeschiedenheit, während vorher einmal monatlich das Postboot verkehrte und hin und wieder Boote mit Besuchern aus Tupik oder Ust-Njuksha ankamen. Unmerklich gewöhnt man sich daran, immer nur den gleichen Gesichtern zu begegnen und keinen Außenreizen ausgesetzt zu sein.

 

Mit den längeren Tagen gehen mildere Temperaturen einher, die im März/April das Eisangeln ermöglichen, weil die Löcher und mit ihr die Angelsehnen nicht sofort einfrieren. In der Aprilsonne beginnt das Zepter des Eiskönigs zu schmelzen, seine Füße verlieren den Halt im zerrinnenden Schnee und allmählich löst er sich auf, bis nur noch die Erinnerung bleibt.

 

 Rentiere in der Taiga